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15 Mai 2012 | Von Christian Schulz

Politische Sportboykotte: Wenn Medaillen zur Nebensache werden

Durch die Diskussion über den Umgang des EM-Gastgeberlandes Ukraine mit der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin Julija Timoschenko sind sie wieder in aller Munde: politische Sportboykotte. Athleten und Funktionäre betonen gebetsmühlenartig, diese würden auf dem Rücken des Sports ausgetragen und hätten noch nie etwas bewirkt. Doch wie stichhaltig ist diese Behauptung?


Demonstration gegen die Fußball-WM 1978 in Argentinien (links) / Julija Timoschenko (rechts) (© Bilder: AFP, Imago)
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  • Demonstration gegen die Fußball-WM 1978 in Argentinien (links) / Julija Timoschenko (rechts) (© Bilder: AFP, Imago)
  • Protestplakat für die inhaftierte Julija Timoschenko (© Bild: Imago)
  • Protestkundgebung in der Ukraine (© Bild: Imago)
  • Ukrainische Polizeikräfte gehen gegen Oppositionelle vor (© Bild: Imago)
  • Frauenrechtlerinnen von FEMEN protestieren gegen die EURO 2012 (© Bild: Imago)
  • Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Moskau 1980 (© Bild: AFP)
  • Sowjetischer Einmarsch in Afghanistan 1979 (© Bild: AFP)
  • Proteststicker gegen Moskau 1980 (© Bild: Imago)
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Bilder: AFP, ImagoZeige Thumbnails
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Im Jahr 1978 wurde wie hier in Paris weltweit gegen die Fußball-Weltmeisterschaft in der Militärdiktatur Argentinien demonstriert. Aktuell dreht sich die Diskussion um den Umgang der Ukraine mit der ehemaligen Staatschefin Julija Timoschenko.

Ein näherer Blick auf das Thema „Boykotte im Sport" zeichnet ein differenzierteres Bild. Zunächst einmal zeigt sich, dass Boykotte und Boykottversuche keine Seltenheit darstellen, sondern sich im Gegenteil durch die gesamte Sporthistorie hindurch ziehen. Ebenso verhält es sich mit ihren Auswirkungen: Manchmal waren sie nur politische Agitation zu Lasten der Sportler - in anderen Fällen setzten sie allerdings auch wichtige Signale und hatten positive Effekte.

Die beiden prominentesten Beispiele stellen die Boykotte der Olympischen Spiele 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles dar. Zu Hochzeiten des Kalten Krieges wurden diese Spiele zu Symbolen der Konfrontation zwischen Ost und West.

Kalter Krieg statt heißer Wettkämpfe

Olympische Spiele in Moskau 1980 (© Bild: AFP)

Ende 1979 waren sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert. Eine ungeheure Provokation für die NATO-Staaten, welche eine Ausweitung des kommunistischen Einflussgebiets unter allen Umständen verhindern wollten. US-Präsident Jimmy Carter zeigte sich begeistert von der Idee des deutschen NATO-Botschafters Rolf Pauls, den politischen Gegner durch einen konzertierten Boykott der Sommerspiele von Moskau bloßzustellen. Letztlich gelang es den Amerikanern, 62 Staaten dazu zu bewegen aus Protest gegen das Verhalten der Sowjetunion nicht an den Spielen teilzunehmen: Neben den USA, Kanada und zahlreichen südamerikanischen Ländern schlossen sich aus Europa Albanien, Deutschland, Liechtenstein, Monaco, Norwegen und Israel an. Bundeskanzler Helmut Schmidt stellte sich zunächst gegen den Protest, ließ sich jedoch später von den US-Verbündeten umstimmen.

Nur vier Jahre später ergab sich für die Staaten des Warschauer Pakts die Möglichkeit zur Retourkutsche: die olympischen Sommerspiele in Los Angeles. Als offizielle Begründung diente die Einreiseverweigerung für den sowjetischen Olympia-Attaché wegen dessen KGB-Vergangenheit durch das US-Außenministerium. Neben dem Fernbleiben der Athleten der UdSSR reisten 1984 auch keine Sportler aus der DDR, Afghanistan, der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Bulgarien, Vietnam, Nordkorea und Kuba in die USA. Im sowjetischen Fernsehen wurde nicht eine einzige Minute an Berichterstattung ausgestrahlt.

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