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8 Juni 2012 | Von Christian Schulz

Im Rausch des Kollektivs: Wenn Stadien zu Tempeln werden

Das Stadion – ein Ort kollektiver Begeisterung und Leidenschaft. Wie in einer Art modernem Tempel zelebrieren Menschen hier ihre Ersatzreligion Fussball. Mal inszeniert sich das Publikum dabei selbst, mal ist es Teil der Inszenierung. Mit diesen Gegensätzen und ihren Wechselwirkungen beschäftigt sich jetzt die Ausstellung „Choreographie der Masse“.


Fans von Fortuna Düsseldorf in Braunschweig (© Bild: ddpimages)
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  • Fans von Fortuna Düsseldorf in Braunschweig (© Bild: ddpimages)
  • Ultras aus Neapel bei einem Auswärtsspiel (© Bild: ddpimages)
  • Bayern-Fans in Zürich (© Bild: ddpimages)
  • Choreographie der Hertha-Fans (© Bild: ddpimages)
  • 96-Fans zeigen eine Bengalo-Show (© Bild: ddpimages)
  • Die Südkurve von AS Roma (© Bild: ddpimages)
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  • St.Pauli-Choreographie im Auswärtsblock (© Bild: ddpimages)
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Gefühlsausbruch in der Fankurve: Das Feuer der Emotionen lodert.

Woche für Woche pilgern zehntausende Menschen in die Stadien unseres Landes. In einer Welt ständig abnehmender Religiosität sind diese Orte längst zum Ersatz für frühere Kultstätten geworden. In ihnen suchen die Menschen gemeinschaftliche Rituale. Ein Bedürfnis, welches sich von der Antike bis zum heutigen Tag nicht geändert hat. Nirgendwo sonst versetzen sich so viele Menschen gemeinsam in Euphorie, wie im künstlich geschaffenen Hexenkessel eines Stadions. Durch das gemeinschaftliche Erlebnis wird aus der Menge ein Ganzes. Dadurch, dass die Menschen auf das Gleiche fixiert sind, empfinden sie sich als Einheit. Die euphorisierten Massen sind einerseits synchronisiert und gelenkt - andererseits aber auch eigendynamisch und immer für unkontrollierbare Ausbrüche gut.

Von der Selbstinszenierung zur gelenkten Euphorie

Fans von Hannover 96 zünden Pyrotechnik (© Bild: ddp Images)

Dies ist auch vor dem Hintergrund der aktuell mitunter hysterisch geführten Debatten über angeblich steigende Fangewalt sowie Fehlentwicklungen der Fankultur interessant. Der Sportjournalist Christoph Biermann beschreibt es gegenüber der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente" folgendermaßen: „Wenn wir von einer Choreografie der Massen reden, wer ist denn da der Choreograph? Ich habe im Stadion immer das Gefühl, dass die Massen sich selbst choreographieren. Dass sie also durchaus nicht Objekt irgendwelcher Lenkung sind, sondern sich da durchaus als Subjekt äußern. Und das hat wenig mit der klassischen Vorstellung von irgendeiner dumpfen gelenkten Masse zu tun." Eine positive Eigenschaft - welche jedoch in Kombination mit den Interessen der Macher der bis ins letzte Detail durchgeplanten Events unweigerlich zu Konflikten führt.

Denn den Initiatoren der Spektakel geht es um das florierende Geschäft in den modernen High-Tech-Arenen. Dies wird schon an den baulichen Unterschieden zwischen den Stadionbauten der Vergangenheit und denen der Gegenwart deutlich. Eine Menschenmenge, die sich selbst die Richtung vorgibt, gehört heute der Vergangenheit an. Stattdessen ist das Publikum in den Multifunktions-Arenen Teil eines Riesenevents. Längst sind Stadien zu Versammlungsorten für Massen geworden, die nach kommerziellen Gesichtspunkten zusammengebracht werden. Es gibt VIPs, die Business Class, die Presse, die Eventbesucher und - ganz zum Schluss - das „entgegengesetzte", alteingesessene Publikum.

Die „entgegengesetzten Fans" sind durchaus einkalkulierter Teil des Ganzen. Sie verpassen dem kommerziell inszenierten Spektakel den letzten Schliff. Kleinere Auswüchse in den Fankurven sind dabei geduldet, solange sie Farbtupfer eines berechenbaren Schauspiels bleiben. Erst wenn sie den normalen Besucher und damit die Vermarktung des Spektakels stören, werden sie zum Problem. Dann versuchen die Stadion-Manager Emotionen zu zügeln und der unkontrollierten Masse die Richtung vorgeben. Das Ungestüme, welches einen nicht unerheblichen Reiz des Stadionerlebnisses ausmacht, geht dabei verloren.

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