
Vorurteil und Stereotyp: Der Franzose in den Köpfen der Deutschen trinkt Rotwein, isst Baguette mit Käse und trägt eine Baskenmütze
"Gewisse Vorurteile hat jeder Mensch“, war Sir Peter Ustinov überzeugt, „sonst könnte er nicht einmal seine Koffer packen.“ So lassen sich Urlauber vor der Reise nach Indien gewissenhaft impfen, auch gegen Krankheiten, die dort gar nicht grassieren. Der Polenreisende prüft mehrmals nervös, ob das Auto auch abgeschlossen, die Alarmanlage wirklich aktiv ist. Schließlich möchte man ja nicht mit der Bahn heimfahren. Harmlos? Nein – fand Ustinov und schrieb mit „Achtung! Vorurteile“ ein Buch über den „womöglich größten Schurken in der Geschichte von uns Menschen“.
Das Denken leichter machen
Denn die Grenze zwischen harmlosen Witzeleien und verletzenden Vorurteilen ist fließend. Selbst der dümmste Blondinen-Witz hinterlässt seine Spuren und prägt sich fest in unser Gehirn ein. Mit einem primitiven Auftrag: uns das Denken zu erleichtern. „Der Mensch ist ein kognitiver Geizkragen“, sagt Lars-Eric Petersen, Psychologe und Mitherausgeber des Buches „Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung“, „er versucht, mit so wenig Denkarbeit wie möglich durch das Leben zu kommen.“
Dafür teilen wir die Welt in möglichst einfache Kategorien ein. In Alt und Jung, männlich und weiblich, schwarz und weiß, dick und dünn – um nur die offensichtlichsten zu nennen. Die Flut an Informationen wird so zu kleinen, verdaubaren Häppchen gefiltert. Je weiter oder globaler eine Kategorie gefasst wird, desto mehr individuelle Informationen gehen dabei über ihre Mitglieder verloren. Das verführt zu Verallgemeinerungen und Stereotypen. „Bei Vorurteilen kommt eine starke emotionale Komponente hinzu“, erklärt Petersen. Sie lassen uns nicht kalt, lösen Misstrauen oder Verachtung aus. „In neun von zehn Fällen sind Vorurteile negativ.“ Dabei kommen sie selten so laut und rüpelhaft daher wie an Stammtischen. Meist sind sie sehr viel diskreter und werden in unserem Denken ohne unser Zutun und oft auch gegen unseren Willen aktiviert.
Viele Einschätzungs-Fehler unter Zeitdruck
Eine Hinterhältigkeit, die Joshua Correll von der Universität Chicago 2002 in einem Experiment näher untersuchte. In schnellem Wechsel erschienen auf einem Bildschirm Fotos von schwarzen oder weißen Männern. In der Hand entweder eine Waffe oder ein harmloser Fotoapparat. Die Testpersonen wurden gebeten, die bewaffneten Männer zu erschießen. In Sekundenschnelle mussten sie nun entscheiden, ob der eingeblendete Mann eine Gefahr darstellt oder nicht.
Der Zeitdruck führte zu einer hohen Fehlerquote. Doch wesentlich häufiger erschossen die Probanden unbewaffnete Schwarze als unbewaffnete Weiße. Scheinbar brachten sie eine dunkle Hautfarbe automatisch mit Gefahr in Verbindung, und es blieb keine Zeit, diese Einordnung zu überdenken. Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass der Effekt bei allen Testpersonen zu beobachten war – unabhängig von ihrer eigenen Hautfarbe.

























